This is how we vegas - 2022 Tag 4
Es ist Donnerstagmorgen um 5:30 Uhr, als der Peter Thiel-Verschnitt "nice hand, couldn't make you fold an ace" announciert, seine letzten $400 zu mir rüberschiebt und sich langsam aus dem nahezu verwaisten Aria-Pokerroom schleicht. Es ist die letzte Hand an diesem Tisch, da die verbliebenen Spieler sofort aufstehen, um ihre Winnings ins Trockene zu bringen. Meine Mundwinkel erheben sich keinen Millimeter, ich nehme es einfach so hin, dass der $1.400 Pot zu mir geschoben wird. Das ist kein gutes Zeichen. Ich bin nämlich ein Befürworter davon, dass man alle Emotionen, ob Freude oder Frust, zulässt, sich zumindest innerlich damit auseinandersetzt und somit ein gutes Gespür für das Befinden von Körper und Geist entwickelt. Wie kam es also dazu, dass mich dieser letzte Pot des Tages kaum juckte? Spulen wir vor.

12 Stunden zuvor, um 17:30 Uhr, begann ich meine erste Session des Tages, nachdem ich mit vollen Shopping-Tüten vom Premium Outlet North zurück war. Jedes Mal, wenn ich hier bin, freue ich mich darauf, in dieser Outlet-Mall meine Garderobe für die kommenden Monate zusammenzustellen. Die Preise für amerikanische Marken sind in Deutschland so unerreichbar, dass ich jedem einen Besuch in dieser Mall empfehle, wenn er mal in Vegas nicht weiß, wohin mit sich.
Im Bellagio musste ich eine Weile warten, bis ich einen Platz am $5/$10 Tisch bekam. 40 Minuten $2/$5 und anderthalb Stunden $5/$10 waren aber recht ereignislos und ich habe die Flucht gesucht, als ich feststellte, dass die $5/$10 Tische staubiger waren als die Pools der Stadt. Kurze Randnotiz: Ich wollte heute auch an den Pool und durfte es nicht, da dieser geschlossen war
Vorgestern gab es einen Sandsturm und offensichtlich sind noch einige Pools derart in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie nicht freigegeben wurden.
Mit Blick auf die Bravo-App entschied ich mich mit $60 Minus im Rücken für einen Ausflug in den Norden ins wunderschöne Encore-Casino. Das Casino ist einfach nur schön. Punkt. Mehr wollte ich dazu jetzt gar nicht sagen. Schön! Der Pokerraum ist top organisiert und es gab an diesem frühen Abend vier $2/$5 Partien mit $1.500 Cap und zwei $5/$10 Tische. Während ich auf einen Platz an den gut aussehenden $2/$5 Tischen wartete, habe ich mich in die $5/$10 Must-Move-Partie gesetzt. Was soll ich sagen? Dagegen waren die $10/$20 Tische im Bellagio bisher eher ein Kindergeburtstag. Gespielt wurde $10/$20, meistens Straddle $40 und der kleinste Stack neben mir war nördlich von $5.000. Dafür saßen da sowohl zwei Chinesen, die kein Englisch sprachen, als auch drei US-Regs mit Stacks nördlich der $30.000. Kann schon sein, dass man hier ganz gute Action bekommt, aber mit meinem Stack konnte ich da erstmal nicht viel ausrichten und deep hinsetzen wollte ich mich gegen die Regs jetzt auch nicht unbedingt. Daher war ich einigermaßen froh, als ich nach 20 Minuten an einen der $2/$5 Tische durfte.
Viereinhalb Stunden $2/$5 waren hier mal wieder ei n großes Abenteuer, das allen Spaß bereitet hat, außer mir offensichtlich
Neben mir saß ein älterer Herr, locker über 80 Jahre jung, der im ersten Orbit drei 3bets auspackte und auch postflop immer schön aggro unterwegs war. Als ich dann nach zehn Minuten mit TT seine 3bet calle und postflop drei kleine Bets bezahle auf Q97 4 Q, darf ich mir JJ bei ihm angucken. Kein Problem, weiter geht's. Wenige Hände später bin ich im BU-Straddle, alle folden, der Opi im SB opened (nun mehr keine Überraschung) auf $40 und ich 3bette A♦: 6♦: auf $120. Er callt und checkt dark. Ich setze dark $50.
Flop $245: A♥: 7♥: A♠: Er callt meine Blindbet
Turn $345: 8♥: Er checkt, ich setze $170, er raist $500 und fängt auch noch an zu reden. "I know you have nothing" Bravo, rote Flaggen überall, aber ich calle trotzdem.
River $1.345: K♥: Er setzt nochmal $500 und ich gebe auf.
Direkt die nächste Hand. Limp, ich habe im CO A♥: T♥: und raise $25, Opi call BU, Limper call
Flop $80: 8♠: 9♥: K♥:
Check, ich check, Opi $25, Limper call, ich checkraise auf $110 und Opi 3bettet natürlich
Diesmal auf $310. Klarer Call.
Turn $700: T♦:
Check, $300, ich call.
River $1.300: 4♠:
Check und er checkt behind. Bin ich etwa gut? Nein, er hat K9o.
Eine Stunde später steht Opi mit über $5.000 und einem 3bet-Wert von über 15% auf und ich gucke doof aus der Wäsche. Ich wechsle kurz später an einen anderen $2/$5 Tisch und werde in Hand Nummero 5 am Tisch von einer jungen Regina aus dem SB ge5bettet. Ciao JJ
Der Abend lief weiter heiter bis wolkig und ich krieg kaum was auf die Kette, als es im hinteren Bereich immer lauter wird. Während das $5/$10 Maingame mit Millionenstacks so vor sich hin daddelte, saßen daneben nur noch 3 Mann am Must Move. Zwei davon gut betrunken und laut, ein dritter Spieler mit $15.000 Stack aber nicht gerade dem Aussehen eines Pros. Joa, Zeit Losses zu chasen, denke ich mir und gehe nach 4,5 Stunden $2/$5 mit $1.600 Minus wieder rüber.
Natürlich stimme ich direkt zu, mit den beiden einen Tequilla-Shot zu trinken. Aber noch bevor dieser da ist, spiele ich die erste interessante Hand: Wir spielen $10/$20 und ich open am BU 8♣: 8♦: auf $60, der SB Nicht-Betrunkene 3bettet auf $280 und ich calle $1.900 deep
Flop $580: 2♠: 3♦: 4♥:
Er cbettet $400 und ich shove all-in. Er snapcallt. Wir lassen es zweimal runnen.
Board 1 $3.800: 2♠: 3♦: 4♥: 8♥: J♠:
Board 2 $3.800: 2♠: 3♦: 4♥: 2♦: 2♣:
Joa nicht verkehrt oder? Ich verrate euch, dass wir den Pot gesplittet haben! Also zumindest ein Teilerfolg für mich. Ich könnte n nun hieraus ein interaktives Ratespiel für euch machen, aber ich vermute einfach mal, dass keiner von euch J♥: 2♥: in seiner Range sehen würde. Also faire Teilung!
Leider kommen kurz später noch zwei junge Pros an den Tisch, einer von denen lehnt den Tequilla ab und erntet nicht gerade gute Reaktionen vom Oberfreier. Insgesamt geht es hier in anderthalb Stunden gut auf und ab, da jede Hand ein Festival der Gefühle ist. Irgendwann squeeze ich aus dem SB AJo auf $300, einer der jungen Pros tank/foldet und der Oberfreier re-shovt nun seine $1.200. Ich calle und gewinne gegen A6o. Damit ist der Freier erstmal platt und afk, während im Main Game wieder ein Platz frei wird, den ich dann einnehmen soll. Ich lehne dankend ab und verbuche $850 Gewinn.
Etwas frustriert von der $2/$5 Session, aber erleichtert, dass daraus beim $10/$20 kein Vollbrand wurde, ordere ich mir ein Uber ins Aria. Dort komme ich um kurz vor 3 Uhr nachts an einen interessant aussehenden $2/$5 Tisch. Meine erste Hand folde ich, in meiner zweiten Hand habe ich 7♦: 7♣: im SB. UTG raist ein betrunkener Chinese blind auf $10, ein älterer ABC-Reg im CO raist auf $25, ich calle und der Chinese callt diese auch blind.
Flop $80: J♦: 9♣: 3♦:
Check, check, Reg cbettet $40. Ich nehme an, dass er gegen die blinde Range da sehr weit cbettet und peele mal mit 77 und interessanten Blockern. Der Chinese callt auch.
Turn $200: 7♠: Aha!
Ich leade $55 und der Chinese eiert komisch rum: "Oh i" und schiebt seine Karten lachend nach vorne. Der Dealer fragt nach, was er meinte und er sagt wieder "Oh i" und zieht seine Karten zurück, als der Dealer sie in den Muck setzen möchte. Was denn nun? Ach ALL-IN? Ja gut, dann wohl all-in für $1.000. Der Reg snapfoldet und ich steh wieder da, wie der Ochs im Walde. Besoffener Typ shovt halt einfach mal das Zwanzigfache - vermutlich wieder ein easy fold mit 2nd Nuts, was? Ich erinnere mich aber auch an den $2/$5 Tisch vorgestern, als ich KK unsäglich foldete und mir Toppaar angucken durfte. Nicht nochmal, ich calle 
River $2.200 oder so: K♥: Na, was hat er wohl? Ja, er hat es: T♠: 8♣: Bravo 
Es ist, wie es ist. Ich lade ganz ruhig und gelassen mal wieder $1.000 nach und frage mich, wo die versteckte Kamera ist. Achja, da oben an der Decke sind ja Hunderte versteckte Kameras. In welchem Kontrollraum lachen die sich gerade über mich kaputt? 
Wäre ja alles halb so wild, wenn nicht kurz später DAS passiert: Ich open Q♣: T♣: $25, er call, zwei weitere Call, BB Reg $150, ich call, er call. Flop $500: 446 Reg cbet, ich fold, er tank/call. Turn 7 Reg all-in und was macht der betrunkene Chinese? Öffnet seine Hand: K♣: K♥: "oh u hav aces? u hav aces? no no I fold" JOOOOOOOOOO is klar. Mit dem Wissen dieser Hand hätte man das Set vorhin auch gegen zwei Stripclub-Flyer vom Las Vegas Blvd tauschen können, so viel waren die 77er da wert. Natürlich steht der Chinese nach der Hand auch auf und ich weiß langsam echt nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll.
Ich entscheide mich stattdessen für emotionale Abstinenz (wie oben erwähnt kein gutes Zeichen) und wechsel an den anderen $2/$5 Tisch mit Peter Thiel. Dort passiert lange nicht all zu viel, also im Sinne von ich gewinne keine Hand, verliere aber auch nichts Großes, während der Freier Thiel so ziemlich jede Hand spielt. Aber dann ist es soweit: Ich open Q♠: T♠: ein Fisch callt und der Freier... foldet. Naja jede braucht mal ne Pause.
Flop $45: 5♠: 3♠: 6♠:
Check, ich cbette $20, Fisch raist $85 oder so und ich stelle ihn für $300 all-in. Er snapt. ZUM Glück hatte er nur $300 stehen, denn dass ich diese Hand wohl nicht gewinnen werde, wisst ihr mittlerweile ja
River 3♦: und er öffnet stolz seine 66er.
Hach ja, so läuft es halt im Moment. Weiter oben schrieb hier jemand im Thread, dass ich irgendwie nur BadBeat-Stories und Losses poste. Und was soll ich sagen? Ja, es ist nunmal eben so. Ich würde euch auch lieber von gewonnenen Händen und Setups in meine Richtung berichten, aber die gibt es leider zurzeit nicht. Und JA, die Parallel zum letzten Trip und dem Trip davor und dem davor sehe ich auch: Ich komme hier gut vorbereitet, bis in die (mittlerweile sehr langen) Haarspitzen motiviert in Vegas an, ready to roll, ready to takeover und BAM dann schlagen die Hände zu. Nichts zu machen, außer ruhig zu bleiben.
Ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen meine Hände so zu spielen, wie ich es für richtig halte. Bei Leibe bin ich kein Pro, der alles besser weiß und jede Partie auseinander nimmt, aber ich habe schon das Selbstbewusstsein und Vertrauen, dass ich hier an den Tischen, die ich besuche, bessere Entscheidung als die Mehrheit der anderen treffe. Natürlich tut es weh, wenn dann eine Hand nach der nächsten verrutscht. Natürlich tut es weh, wenn man sieht, wie ABC-Regs an solchen Abenden reihenweise ein Stack nach dem nächsten stapeln ohne jemals geblufft zu haben, ohne jemals geschwitzt zu haben, als das Geld reinging. Ich kann es aber nicht ändern, nur versuchen ohne Kontrollverlust weiter zu spielen und auf eine glückliche Fügung von da oben zu hoffen.
Meine letzte Hand war ja vielleicht die Kehrtwende? Wir finden es heraus, nachdem ich mich noch ein wenig am Pool ausgeruht haben werde. Wir schreiben uns morgen