Vegas WSOP 2023 - Conclusion
Ich grüße euch aus dem polnischen Hinterland. Nach ein paar Tagen in der sächsischen Schweiz ging es mit vereinzelten Schürfwunden vom Klettern und Bouldern Richtung Breslau, wo mein Vater während des zweiten Weltkriegs aufgewachsen und gerade noch rechtzeitig fliehen konnte. Die familienhistorische Zeit in dieser sehr sauberen, liberalen Stadt war bewegend. Nun gilt es den Spuren meiner Frau am Fuße des Glatzer Schneegebirges zu folgen. Die Natur tut gut und ich kann tatsächlich mal ein paar Minuten ohne neue Blasen an den Füßen nutzen, um den letzten Vegas-Trip abzuschließen.
Ob ihr es glaubt oder nicht: Das war mein längster Vegas-Trip bisher. 2015 waren zwar mehr als vier Wochen geplant, aber ich "musste" damals zwischendurch kurz nach Hause, um einen fristlosen Vertrag als Beamter zu unterzeichnen. Diesmal waren es 16 Tage. 16 Tage während der World Series of Poker. Poker durch und durch. Und trotzdem komme ich nur auf 79 Stunden Spielzeit im Cashgame. Das ist vermutlich sogar Tiefstwert für mich. Aber das können wir im Nachhinein ja durch einen ordentlichen Run im Main Event erklären. Dahingehend hätte ich auch gerne noch viel weniger Cashgame gespielt, aber auch mit ein paar Tagen Abstand bin ich vollstens zufrieden mit meinem ersten Turnierausflug. Zwar ärgere ich mich noch, dass ich aufgrund meines läppischen Zeitmanagements das $1.100 Satellite verpasst habe und stattdessen einen kurzen Abstecher in ein vermutlich viel zu stark besetztes $2.175 Sat gewagt habe. Aber sowas ist im Nachhinein immer leicht gesagt. Letztlich war mein Buyin für das Main alles andere als günstig, aber mit dem einen oder anderen Staking und Swap konnte ich das Risiko ganz gut tragen.
Das Gefühl beim Mainevent dabei zu sein, war schon besonders. Die Atmosphäre in dem großen Ballsaal war einzigartig, vermutlich ähnlich wie vor dem Abiball: Alle Männer freuen sich, dass sie Teil des Events sein dürfen und wollen auf alle Fälle eine gute Figur abgeben. Trotzdem weiß jeder, dass die allermeisten einen peinlichen Abgang hinlegen werden und den Rest des Feldes hoffentlich frühestens zum 10-jährigen Jubiläum wiedersehen. Die Anspannung war entsprechend greifbar.
Sie hat mich sogar durch die ersten Tage geleitet: Ich war nie über Starting-Stack und konnte wenig reißen. Häufiger mal war ich in absolut unbekannten Territorium und musste schauen, was ich mit fünf oder sechs Chips aka 12 oder 20 BB machen sollte. Aber sie haben mich nicht kaputt gekriegt. Am Ende gehörten auch gelungene Hände dazu, wie der Runner-Runner-Flush gegen die Asse vom alles-treffenden Opi an Tag 1 oder ein Setup wie AA gegen JJ an Tag 2 gegen den super soliden, jungen Japaner, der nach seinem Bust übrigens bitterlich in Tränen ausgebrochen ist. So richtig aufatmen konnte ich aber erst am dritten Tag, als ich abermals mit wenigen Chips aus der Pause kam, aber dann mit AJ gegen QQ gewinne, einen Flush bastel und letztlich die Asse eines Holländers knacke, indem ich 67s am Button bezahle. Auf einmal hatte ich Chips. Und auf einmal fiel die Anspannung. Drei Tage geschafft und die Bubble in Reichweite - nun war klar, dass ich im Mainevent cashen würde und ich konnte das gesamte Drumherum mehr genießen denn je. Tag 4 hatte nicht viel Gutes für mich über, aber alles, was nach dem Platzen der Bubble geschah, war Zugabe. AA gegen KK Splitpot? Schade, aber in 20% der Fälle ist hier auch game over. Also freute ich mich über jeden Preissprung und als ich dann vor der Dinnerbreak mit nur noch 12 BB und AJs gegen die Asse vom Chipleader rannte, verspürte ich keinen Funken Frust oder Enttäuschung. Das Mainevent war eine geile Erfahrung.
Warum seid ihr noch mal hier? Warum bin ich hier? Achja. Dieses Cashgame ist doch mein Game. Hinsetzen, zerstören, aufstehen. Repeat. Wenn es nur immer so einfach wäre. Der Trip begann wie der letzte aufhörte: Mein Run im Bellagio war schon außergewöhnlich mit so vielen spielbaren Händen, ständig gutem Showdownvalue oder gar Setups, in denen klar war, dass es nun klingeln würde. Super Start, ruck zuck auf $9.600 Profit nach acht winning Sessions in a row, darunter eine saftige + $4.461 Session. Aber ironischerweise war es gerade diese Session, die auch den Wendepunkt markierte: Ich wollte mich fast schon bei den armen Mitspielern für mein unfassbares Glück entschuldigen, als mein Topset KK im 4bet-Pot tatsächlich von einem 9hi-Flush geknackt wurde. So einen Beat kann man locker verkraften, wenn man trotzdem infinite up ist. Aber von da an ging es auch gut wieder down. Meine Sets wurden in einer Regelmäßigkeit zerstört, als wäre ich Besitzer einer airbnb-Wohnung ( Hammer Wortspiel, wer versteht es?
) und zum Abschluss einer folgenden Horror-Session mit über - $5.200 habe ich auch meinen Instinkt verloren, der mir bis dato gute Calls und Folds ermöglicht hatet. Es geht beim Poker ja nicht nur um die großen Showdowns, auch wenn diese am Ende leicht eine Tendenz des Trips ausmachen. Die ganzen Redline-Hände, die einem beim Live-Poker gar nicht so bewusst sind, haben ebenfalls Ausschlag. In dieser Horror-Session sowie in der Session vor Tag 3 des Mainevents war meine Performance definitiv nicht on point und das muss ich auf meine Kappe nehmen.
Abgesehen davon war ich aber rundum zufrieden mit mir: Routine am Morgen, nichts erzwingen, spielen wenn Lust und Games auf einem profitablen Niveau sind und dann läuft die Maschine schon. Die Maschine namens Bellagio war mir zuletzt unterm Strich sehr sehr gütig und ich kann das Gefühl, dort zu sitzen und meinem liebsten Hobby nachzugehen, gar nicht in Worte fassen. Aber in Zahlen: $8.748 Gewinn in 79 Stunden, $110 Hourly und 20% Return on Investment.
Auch wenn sich bei mir nun beruflich wieder einiges tun und hoffentlich mein größter Wunsch, meine Familie wachsen zu lassen, auch irgendwann wieder in Erfüllung gehen wird, werde ich alles daran setzen, dass ich mich immer mal wieder ins Bellagio setzen darf.
Den ersten Schritt dahingehend habe ich mit dem Main-Cash getan: Meine Auszahlung in Höhe von $27.500 liegt noch bei Caesars Entertainment. Ich habe die ITIN mit der Agentur beantragt und werde dann in einigen Monaten mit dieser Nummer im Rucksack wieder auf der Landebahn aufsetzen, wenn es heißt: Welcome to fabolous Las Vegas.

