Vegas 2025 - Edle Diamanten im Wynn
Nach der Session bis 7:30 Uhr darf ich endlich eine ordentliche Portion Schlaf tanken. Solide 6,5 Stunden stehen diesmal zu Buche. Ein Blick auf die Poker-Apps verrät, dass ich noch nichts verschlafen habe. Ich schreibe also wieder gemütlich Blog und stelle fest, dass meine Einkaufskalkulation ganz gut aufgehen wird, während ich mir mein tägliches Proteinmüsli hineinschaufle. Bei PokerAtlas kann man sich bequem per App auf die Wartelisten der Pokerräume schreiben und hat dann bis zu zwei Stunden Zeit, vor Ort einzuchecken. Das mache ich gemütlich für das Wynn, wo zu der Zeit schon vier $2/$5 und zwei $5/$10 Tische laufen.
Um 17:30 Uhr bin ich dann dort angekommen und stelle fest, dass sowohl die $2/$5 als auch der $5/$10 Must-Move-Tisch optisch ansprechend erscheinen. So nehme ich an $2/$5 Platz, während ich auf den Tisch auf dem höheren Limit warten muss. Ich will meine Freude über die guten Tische gerade per WhatsApp teilen, da floppe ich schon ein Twopair… und verliere mit $250 gegen ein Set nur das Minimum. Ich will meinen Unmut über den schlechten Start gerade per WhatsApp teilen, da verliere ich $250 mit AJ TPGK vs rivered Twopair. Ich will gerade per WhatsApp teilen, dass ich gleich an $5/$10 wechseln werde, da muss ich postflop den nächsten $250 auf Wiedersehen sagen. Grandioser Start wieder: 25 Minuten, -$764.
Meine Laune ist trotzdem nicht verkehrt, als ich die roten $5 Chips gegen blaue $10 Chips tausche, da der neue Tisch wirklich eine Augenweide mit zwei Regs und fünf Spots ist. Wenn die Action entsprechend der Stacks und Optik der Leute ist, sollte der Verlust vom kleineren Tisch wieder einzuholen sein. Ich gewinne auch artig meine ersten Hände und finde gute Situationen, um Pötte zu stehlen, wenn die Spaßspieler offensichtlich kein großes Interesse mehr an ihrer Hand zeigen. Zur ersten größeren Hand kommt es nach einer Stunde, als ich A♠: Q♥: auf $40 openraise und zwei Leute zahlen.
Flop $140: K♣: J♠: 6♦:
Der SB checkt, ich checke und am Button checkt Frankie behind. Frankie ist geschätzte 70 Jahre alt, trägt ein buntes Hemd zur goldenen Uhr und geht sehr hektisch und verwirrt mit seinen Chips um.
Turn $140: K♠:
SB checkt wieder und ich will eigentlich auch checken, als ich aus dem Augenwinkel erkenne, dass Frankie tief in seinen Chipstapel greift. Das will ich zu verhindern wissen und blockbete schnell $30. Der Verwirrte realisiert die Situation etwas verzögert. Sein Blick erinnert an den eines Rentners, der die Batterien seiner Fernbedienung wechseln möchte. Als er die Klappe auf der Hinterseite seines Stacks gefunden hat, kramt er dort sechs blaue Chips heraus. Minraise $60. Na auf die Einladung calle ich wohl.
River $260: T♦: one time
Juhu, ich river tatsächlich die Straße und hoffe, dass er seinen König dann noch einmal anspielt. Ich checke und tatsächlich bekomme ich die guten News mit einer weiteren Bet in Höhe von $60. Er spielt $1.200 total und ich überlege, ob ich ihn direkt all-in stelle, doch das finde ich dann doch zu grob und raise nur auf $320. Jetzt ist nicht nur Frankies Fernbedienung defekt, auch die Batterien des Hörgerätes müssen den Geist aufgeben haben. Entgeistert schaut er sich im Raum um und sucht Hilfe. Die bekommt er nicht. Er muss selbst eine Entscheidung treffen und das schafft er auch nach wenigen Momenten. Er callt. Juhu. Ich zeige stolz AQo für die Straße und muss kurz darauf mal wieder schlucken: K♥: 6♣: für ein Full House werden mir entgegengebracht. Are you serious?
Zehn Minuten später gibt es ein $30 Open aus früher Position, bevor Frankie wieder den Call in später Position findet. Ich sehe A♠: K♥: im SB und möchte einen neuen Anlauf nehmen: $170 bitte. UTG foldet, aber Frankie zahlt noch einmal.
Flop $380: 3♠: 5♣: 6♣:
Normalerweise cbette ich alles, aber gegen Frankie mache ich mir wenig Sorgen, dass er mich nun mit KJo oder A9 bluffen wird. Ich checke, Er auch.
Turn $380: 2♠:
Ich checke erneut. Nun setzt er $100. Hmm, nun gebe ich ihm schon ein paar schwächere Hände als meine. Außerdem habe ich Outs. Ich calle.
River $580: 4♥:
Oh, eine Straße auf dem Board. Welche
soll er schon haben, überlege ich mir noch, da versucht Frankie out of turn schon zum Showdown zu checken. Aha, keine 7 also. Na dann gibt es ja eine Möglichkeit, den Pot zu klauen: Ich stelle Frankie für $1.300 all-in. Wenn er jetzt mit
callt, ist er mir einfach drei Level voraus und ich sollte mir dringend ein neues Hobby suchen. Dazu kommt es aber nicht, denn nach einer Minute Überlegung foldet er.
Nach knapp zwei Stunden muss ich an das Main Game wechseln, das weiterhin nicht gut aussieht. Die Spots, die rüber wechseln mussten, sind alle aufgestanden. Nach mir folgen bis auf Frankie ebenso nur noch Regs. Ich entschließe mich daher dazu, den Ausflug mit $883 Profit zu beenden. Es geht zurück an $2/$5, wo ich in anderthalb Stunden zunächst wieder etwas verliere, aber dann meinen Stack auf $2.000 ausbauen kann, bevor sich folgendes Szenario abspielt: Ein Reg, der gerade erst von seinen Assen geblufft wurde und kurz darauf mit AK vs AA ein Buyin verloren hat, openraist sichtlich tiltend in MP $20. Eigentlich 3bette ich am Button A♦: 4♦: gerne, doch ich gebe mir wenig Foldequity und möchte außerdem den Spot aus dem SB mit in der Hand haben. Call. SB fold, BB tight Reg squeezt auf $70. Tiltboy call, Kontiboy call.
Flop $210: 9♠: 8♦: 6♦:
BB check, Tiltboy $140, easy call. Nun gerät die Hand außer Hand: Der BB checkraist auf $575 und Tiltboy verliert keine Zeit, bevor er all-in für sein frisches Buyin von $1.500 minus $70 preflop geht. Mist, dünne Kiste nun. Nur gegen Tiltboy muss ich also $1.290 für einen Pot von dann $3.545 bezahlen - wenn er nicht tilt wäre, wäre das wirklich dünn. Gegen 2pair, Sets, Straights dürfte ich nicht die benötigte Equity haben. Aber was ist mit dem BB und einem offensichtlichen Overpair? Foldet er nun noch? Möglich, aber eventuell ist er auch committed. Ich tanke recht lange, auch um zu verschleiern, dass ich einen Draw habe. Dennoch möchte ich callen, da Tiltboy nun auch eine Randomness-Range zugerechnet werden muss und der BB ggf. bezahlen wird, was meine Odds deutlich verbessert. Schließlich calle ich und der BB foldet genervt.
Turn $3.545: 3♦: Na endlich mal!!! Blank River NOW
River $3.545: 3♥: You’ve got to be kidding me….
Bereit zu mucken warte ich gespannt, was der Tiltboy zu präsentieren hat. Ich sehe die 8♥: und die… 9♥: puuuh knappe Sache. Sein Twopair ist nicht genug und ich gewinne mit dem Flush endlich mal wieder einen großen Pot.
Ich cruise eine Stunde lang weiter an dem Tisch mit $4.000 Stack, bevor mein Wechselwunsch an einen anderen $2/$5 Tisch erfüllt wird. Riesen Stacks, Opis und Spaßspieler Seite an Seite - hier sieht es gut aus. Als Startgebühr muss ich zwei, drei Hände aufgeben, bevor ich im SB Q♦: J♦: auf $100 squeeze. BB zahlt, Openraiser-Opi mit Sunrun callt und noch wer ist dabei.
Flop $400: K♦: T♦: 3♦: DIAMONDS BABY
Ich cbette $80, fold und was ist das? SNAP-SCHNAPPO3000-INSTARAISE auf $400 vom Sunrun-Opi. Ach du Scheiße. Ich floppe die 2nd Nuts und will am liebsten direkt folden. Solche Typen kenne ich zu genüge. Tatsächlich erinnere ich mich an mehrere Wynn-sessions, in denen immer ein Opi alles traf. Oder sehe ich Monster unter dem Bett? Der Opi hat noch $2.000 behind und ich will irgendwie nicht all-in gehen. Ich will gar nix mehr. Ich will zum Showdown. Spieltheoretisch vielleicht falsch, aber meine Instinkte schreien VORSICHT!. Ich calle nur.
Turn $1.200: 6♦:
Na tolle Wurst, oder: Was ein Glück? Ich weiß es nicht, als ich checke. SNAP-SCHNAPPO3000-ALLIN $2.000 - okaaaaaay, ich folde zügig. Wäre auch zu schön gewesen…
Keine fünf Minuten später ist der Opi wieder in einer Hand, in der auf dem Flop drei Diamonds erscheinen. Wieder macht er Action, diesmal kommt es zum Showdown: Oh, Nutflush gefloppt. Ich frage ihn: “Flopped nutflush again?”, er linst rüber: “flopped it again”. Vielleicht bin ich doch ein Genie? Auf jeden Fall darf ich zur Belohnung kurz darauf mit AQ im 3b Pot gegen rivered Twopair A6 die nächsten Hunderte Dollar abgeben. Es geht wieder nur in eine Richtung, seitdem ich hier sitze. Vielleicht klappt es mit Bluffs ja bess… oh wait, der Opi checkt sein Set QQ 3way zweimal auf KQ8 5hh 4x und setzt am River $40 in $60. Jemand callt und ich denke mir mit T♥: 6♥: am BU, dass beide ja nicht so stark sein können. Mein Raise auf $185 wird schneller gecalllt als die Crypto-Bots auf neue Trump-Tweets reagieren. Worth a try - preflop bin ich natürlich viel zu weit, aber 600BB deep möchte ich schon viel gegen ihn spielen.
Kurz darauf stelle ich einen Amateur am Turn mit OESD+FD 5♠: 7♠: auf 4♠: 6♥: 2♣: T♠: gegen eine $100 Bet all-in. Er callt $575 mit QQ und gewinnt. Meine Winnings vom ersten Tisch schmelzen dahin wie das Eis hier am Pool. Mit den Worten “I owe you some money” callt der Opi mein nächstes Openraise, floppt erneut einen Flush gegen mein Twopair, aber macht es am River glücklicherweise günstig für mich. In welcher Realität leben wir? Um Punkt Mitternacht macht er aber Schluss, während der Rest des Tisches immer noch gut aussieht. Ich bleibe also entspannt und hoffe auf bessere Karten. Beim Verlassen bestätigt der Opi mir nochmal, dass er den Nutflush hatte ich der ersten Hand.
Die Action flacht etwas ab, aber dafür ist es der angenehmste Tisch seit langem. Neben mir sitzt Rob, aber eigentlich nenne ich ihn nur Oli, da er meinem Kollegen Oli wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Er freut sich über die Ähnlichkeit und wir spielen Poker, chatten und gamblen auf Sachwissen. Zunächst wettet er, dass er innerhalb von 10 Minuten die Hälfte aller EU-Länder nennen kann. Ich gebe ihm 4:1 Odds und verliere
Als Revanche darf ich innerhalb von 10 Minuten die Hälfte aller US-Staaten aufzählen für die gleichen Odds und gewinne. Wir sind even, stoßen auf deutsches Bier an und haben eine gute Zeit, zumal mittlerweile ein Redneck am Tisch ordentlich sprüht. Die Zeit vergeht wie im Flug und auf einmal ist es 3 Uhr und der Tisch bricht, als ich immerhin wieder bei $1.075 Gewinn stehe.

So richtig müde bin ich noch nicht, also führt mein Weg nach Hause über den neuen Pokerraum im Venetian, wo noch ein $3/$5 Tisch läuft. Dort sitzt Turtle, ist rappelvoll und lässt sich massieren, während er einen Vodka-Sprite nach dem nächsten vernichtet. Ich spiele drei kleine Hände gegen ihn, in denen ich jeweils Midpair am River calle und gut bin. Nach weiteren zwei Stunden ist er seinen $1.600 Stack los und ich mit weiteren $259 endlich müde genug für mein Bett.
Fazit: Vier Sessions, deutlich bessere Tische, weiter kein toller Lauf, aber immerhin die Drecks-Session aus dem Aria wettgemacht. Mit frischer Bräune vom zweistündigen Tippen dieses Berichtes am Pool werde ich mich gleich auf in die Karfreitags-Session begeben. #kämpfenkonti



