Ja, 2007 konnte man noch jedes Pocket auch in early profitabel openlimpen oder overcallen. Das ging so etwa bis Mitte 2008 ♦
Das Beispiel in Small Stakes Holdem ist etwas anders gelagert. Dort hatte Hero eine Hand, die sehr viele Outs gegen sich hatte, so dass der Equityvorteil am Flop als klein angenommen wurde und die Equityänderung am Turn (durch gute oder schlechte Karten) als sehr gross. Da wurde dann empfohlen, mit der Aggression bis zum Turn zu warten, da dann dort ein wirksamer Schutz möglich war, bei dem die Gegner ungenügende Odds für ihren Call bekommen hätten.
Es werden mehrere Beispiele gegeben (SSH S. 160 ff):
1) Hero is BB with T♣, 8♣ (10 players)
preflop: 1 fold, UTG2 calls, MP1 calls, MP2 raises, 2 folds, BU calls, 1 fold, Hero calls, UTG2 calls, MP2 calls.
So waren die Zeiten...
Flop: (10,5) SB Q♥, T♥, 8♠ (5 players)
3 checks, MP2 bets, BU calls, Hero?
Empfehlung: Hero c/c Flop mit dem Plan c/r Turn, falls eine Blank fällt.
ugh...
Der Check war schon nicht so toll, weil das Board und die Anzahl der Gegner keine Garantie bieten, dass der preflop Raiser bettet. Wenn schon, dann muss aber ein Checkraise kommen, mit dem man immerhin gegen 2 Gegner wirksam schützen kann. Wenn die ihren J oder 9 folden, wäre schon einiges gewonnen. Durch den Verzicht auf Action lässt man im Multiwaypot unglaublich viel Value aus. Hero hat zwar insgesamt potentiell viele Outs gegen sich, aber nicht jeder einzelne der Gegner hat alle diese Outs. Hero hat hier einen grossen Equityvorteil gegen jeden anderen einzelnen Gegner und sollte diesen verwerten.
2) Vielleicht noch krasser:
Hero is MP2 with K♥, K♦
preflop: 1 fold, UTG1 calls, UTG2 calls, MP1 raises, Hero raises, 2 folds, BU calls, 2 folds, UTG1 calls, UTG2 calls, MP1 caps, Hero calls, BU calls, UTG1 calls, UTG2 calls.
Flop: (21,5 SB) T♦, 9♥, 5♦ (5 players)
2 checks, MP1 bets, Hero?
Empfehlung aus SSH: Hero calls!! mit dem Plan den Turn zu raisen. So hätten wenigstens Gutshots am Turn nicht mehr die korrekten Odds zu callen (in der tatsächlich gespielten Hand verliert Hero nach Flopraise und Turn 2♠ und River 8♠ gegen J7s von Button). Button hätte am Turn nicht mehr callen dürfen und Hero hätte bessere Chancen gehabt, die Hand zu gewinnen.
Die Idee ist, erst dann zu raisen, wenn man dem Gegner inkorrekte Odds für irgendwelche Draws geben kann, weil sie dann nicht mehr korrekt callen können, während die gleichen Draws immer einen korrekten Call hätten, wenn man den Pot schon früh gross macht (auf einen Raise am Flop bettet MP1 nicht am Turn und ein Gutshot kann korrekt callen).
Die Argumentation hat mehrere Fehler:
- Protection ist nicht nur, anderen unkorrekte Odds zum Call zu geben, sondern sie auch nicht billig ziehen zu lassen. Ein Draw kann zwar auch nach einem Protectionspiel korrekte Odds bekommen, aber sein Erwartungswert wird trotzdem geringer, weil er mehr für den Draw bezahlen muss. Das ist auch Protection. Das Ziel der Protection ist es, den Erwartungswert des Gegners zu senken.
- In dem man anderen billige Karten lässt, erlaubt man ihnen, auf noch schwächere Draw zu ziehen, die sie andererseits gefoldet hätten. Wenn z. B. in der KK Hand Button 4♥, 3♥ gehabt hätte (2 backdoor Draws) und an Turn und River noch 2 und 6 kommen oder 2 Herz, dann wäre der Jammer nach einem Flopcall noch grösser gewesen, denn vor diesem Draw hätte man mit dem Flopraise schützen können. Oder Button hat 22, auf dem Turn kommt die 2...
- Der Equityvorteil wird ungenügend verwertet. Das ist ganz besonders ausser Position schlecht, wo man den Verlauf der Hand sehr viel schlechter steuern kann als in Position. Niemand kann garantieren, dass man auf dem Turn die Gelegenheit zum Checkraise bekommt. Aber auch sonst kostet es einfach Value. Man muss sich genau überlegen, ob sich die Gewinnwahrscheinlichkeit durch slow Play so weit steigern lässt, dass es den Verlust durch den Verzicht auf das Valuespiel in der frühen Bietrunde ausgleicht. Normalerweise ist das nicht der Fall.
Aber nicht, dass der Eindruck aufkommt, SSH sei ein schlechtes Buch: diese Stelle ist eine der wenigen Fehler im Buch. Insgesamt ist das Buch immer noch sehr empfehlenswert und viel besser gealtert als manches andere.