Ok Sonnensb, das führt natürlich zu einer anderen Definition von Swing. Ich hatte die maximalen Swings nicht als Differenz zu BE sondern als Differenz max. Wert - min. Wert berechnet.
Als Downswing würdest du also den Betrag der Abweichung von der gedachten Linie des EV betrachten. Wenn ich z.B. 500 BB habe und mit 1 BB/100 spiele, müßte ich, wenn alles rein deterministisch liefe, nach 1k Händen 510 BB haben bzw. nach k Händen (500+k/100) BB. Jede Abweichung davon ist entweder ein up- oder ein Downswing und diese Abweichung läßt sich natürlich berechnen. Wenn du erst einen upswing hast und dann wieder auf die gedachte Linie des EV fällst, ist das für dich kein Downswing.
Hier ein Beispielgraph:

Die Session enthält nach dieser Definition einen maximalen upswing von ca. 23 BB (ungefähr nach 325 Händen) und einen maximalen Downswing vom selben Betrag (kurz vor Schluß). Der Downswing am Anfang ist auch ähnlich groß. In meinen obigen Histogrammen zu den Swings wäre dieser Sample mit 45 BB Swingigkeit zu Buche geschlagen, also ungefähr up+down zusammen.
Ich definiere den maximalen Downswing einer Session nun also wie folgt:
S sei die Entwicklung der Bankroll mit Startpunkt S(0)=0.
BB100 sei die angenommene Winrate z.B. BB100=1 soll bedeuten Winrate von 1 BB pro 100 Händen.
EV(i) :=BB100/100*i
Downswing:= - min(0,min(S-EV) )
Der Downswing ist die größte Abweichung nach unten von S zur gedachten EV-Linie. Wenn man in der Session nur über EV runnt, hat man keinen Downswing, d.h. auch wenn man nach anfänglich 100 BB Gewinn auf 20 BB Gewinn abrutscht, war das kein Downswing, weil der Bezugspunkt die EV-Linie ist. Wenn man in einer Session früh Down geht, aber später dick im Plus abschneidet hat man nach dieser Definition aber einen Downswing gehabt und ihn überwunden.
Und nun die Verteilung der Downswings bzgl. der EV-Linie in meinem Modell mit ca. 1 BB/100 EV und ca. 17 BB/100 Stdabw. bei einer Session von 1k Händen:

Dreistellige Downswing treten nach diesem Modell also in etwas mehr als 5% der Sessions auf. Meistens geht es pro Session glimpflich ab, also unter 50 BB.
Eine weitere Fragestellung zur Varianz ist: "Wie lange dauert es, bis ich nach einem Downswing wieder BE bin?" Es gibt viele Leute, die dazu neigen, eine Session unendlich in die Länge zu ziehen, weil sie Geld verloren haben und es schnell wieder zurückgewinnen wollen. Jeder weiß, daß das keine gute Einstellung ist. Es ist eine Form von Tilt, weil man sich unter Druck setzt schnell viel Geld zu gewinnen. Und das funktioniert beim Pokern nicht. Nun ist es aber trotzdem eine legitime Frage. Sie ist verwandt mit der Frage: Wann erreiche das Ziel, xx BB im Plus zu sein.
Die Winrate gibt uns den Durschnitt an. Wenn ich 50 BB gewinnen will und eine Winrate von 1 BB/100 habe, muß ich im Schnitt 5k Hände spielen. Allerdings ist die Varianz im Verhältnis zum Gewinnziel so hoch, daß der Durschnittswert nicht viel darüber sagt, wann man es erreicht.
Angenommen ich droppe während einer Session 50 BB, bin mir aber sicher mit 1 BB/100 zu spielen. Wann habe ich die 50 BB wieder drin? "Lohnt" es sich, an den Tischen bis zum BE weiterzugrinden? Die vielleicht etwas überraschende Antwort ist, daß man bei nur 50 BB down sogar recht gute Chancen hat, binnen 1k Händen wieder BE zu kommen. Dies wird in gut 41% der Fälle gelingen. Bei 25 BB wird das sogar in 69% der Fälle gelingen. Ich will niemanden ermutigen Losses zu chasen, vielmehr ist die Botschaft davon:
Minidownswings sind nicht der Rede wert, weil so oft recht zügig wieder überwunden werden. Man sollte deswegen seinen Spielstil nicht ändern.
Das ist genau der kritische Punkt meiner Überlegungen zum Mindset . Wenn man nämlich ein paar hundert Hände schlecht runnt, ist das kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. So lange man an vernünftigen Tischen sitzt, einen +EV Style beibehält und normal weiterspielen kann, gibt es keinen Grund die Session wegen schlechter Ergebnisse abzubrechen.
Die Fische werden nicht ewig hot runnen, irgendwann ist man selber dran. Vielleicht nicht in der selben Session, vielleicht nicht am selben Tag. Aber wenn man eine vernünftige Winrate haben will, ist es essentiell gerade in solchen Momenten, wo man die guten Karten und Boards bekommt das Maximum rauszuholen. Schlechte Hände preflop oder am Flop folden kann man auch, wenn man müde ist. Aber max. Value Poker benötigt Aufmerksamkeit über alle Streets. Deshalb sollte man auch nicht weiterspielen, wenn man müde oder unkonzentriert ist, aber "noch schnell auf BE kommen will." Man stelle sich vor, der Upswing stellt sich tatsächlich ein, aber er verkümmert, weil man ständig austimed oder wegen der paar BB die man vorher verloren hat auf Tilt ist. Damit tut man seiner Winrate einen Bärendienst.
Wenn man nach ein paar Hundert Händen bereits 100 BB down ist, wird man binnen 1k Händen nur in knapp 9% der Fälle das BE schaffen. Daher:
Bei Downswings im dreistelligen BB-Bereich macht BE chasen erst Recht keinen Sinn, weil es innerhalb einer Session sowieso nur ganz selten gelingt.
Wird man bei solchen Downs pampig, sollte man zumindest für den Tag aufhören und emotionale Distanz gewinnen. Es ist allerdings kein Hexenwerk, auch diese Downs wegzustecken. Weiß man, daß sie ab und zu auf Grund der Varianz vorkommen müssen, kann man sie als statistische Größe einordnen und in Ruhe weiterspielen.