Ich finde wir verfallen in einigen Ländern gerade in blinden Aktionismus, ohne dass die Politik einen Plan verfolgt. Die Basisreproduktionszahl R_0 scheint nach verschiedenen Quellen (ohne Maßnahmen) bei ca. 3 zu liegen (also eine Person steckt im Durchschnitt 3 weitere an). Ich höre nur noch "flatten the curve" weil der Verlauf ist ja "exponentiell!!!", aber bei den Maßnahmen die gerade getroffen werden, werden die Fälle signifikant zurückgehen (soziale Kontakte=Infektionsmöglichkeiten hier in AT sind mit den jetzigen Maßnahmen maybe um >90% reduziert? (s. Japan und Korea)) - also was ist der Plan? Wenn eine Durchseuchung (was "flatten the curve" doch eigentlich letztlich bedeutet?) angestrebt wird, dann sind die jetzigen Maßnahmen viel zu drastisch. Für den Versuch das Virus auszurotten ist es zu spät, die Maßnahmen sind nicht konsequent genug und so ein Ziel mMn nicht mehr erreichbar.
Hier ein interessantes Paper: Es geht um die Frage wann man "harte" Maßnahmen, die man nur einmalig gewillt ist für eine gewisse Zeitdauer durchzuführen, ergreifen sollte:
https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.03.02.20030007v1.full.pdf
Der einleuchtende Punkt: Wenn die (einmalig umsetzbaren) harten Maßnahmen zu einem Zeitpunkt ergriffen werden, wo noch kein signifikanter Teil der Bevölkerung infiziert ist, dann werden die Fälle zwar kurzfristig abnehmen, aber der Verlauf der Epidemie wird im Grunde nur zeitlich nach hinten geschoben, weil keine relevant großer Anteil der Bevölkerung eine Immunisierung aufbaut. Für Länder die sich noch nicht in einer Situation wie Italien befinden ergibt sich m.E. folgende Thesen, die ich gern zur Diskussion stellen würde (ergeben sich teilweise aus dem Paper, teilweise eigene Schlussfolgerungen):
T1: Es sollten JETZT "weiche" Maßnahmen definiert werden, die man bereit ist über den gesamten Verlauf der Epidemie beizubehalten.
T2: Die "harten" Maßnahmen sollten zu genau dem Zeitpunkt ergriffen werden, s.d. die beiden "Peaks" des sich einstellenden Verlaufs der Epidemie gleich groß ausfallen (oder besser: eine gleich hohe Überlastung der Kapazitäten, die hoffentlich konstant ausgebaut werden).
T1 ist im Grunde der definierende Faktor von R_0. Der sollte letztlich von den Kapazitäten des Gesundheitssystems abhängen und welche ökonomischen Kosten man bereit ist zu tragen im Austausch für mehr/weniger Überlastung dieses Systems (=+/-Toten). T2 ist vermutlich am effektivsten als kompletter Lockdown (natürlich bis auf "systemrelevante" Ausnahmen).
T3: Jede über die "weichen" Maßnahmen hinausgehende Einschränkung vor dem in T2 definierten Zeitpunkt, ist ineffektiv, wenn sie nicht durchgehalten werden kann.
T4: Nachdem der zweite Peak überstanden ist können nach und nach die "weichen" Maßnahmen abgebaut werden.
T5: Wenn R_0/Mortalität/schwere Erkrankungsverläufe höher sind als erwartet, dann kann eine zweite Phase "harter" Maßnahmen eingeführt werden und/oder die "weichen" Maßnahmen verschärft werden.
T6: Deutschland ist mit seinen 17 Toten und seinem guten Laborsystem den Nachbarländern um Wochen voraus und offensichtlich gerade nicht annähernd überlastet bzw. an dem Zeitpunkt angekommen, harte Maßnahmen zu ergreifen.
Am Beispiel Italien kann man sich überlegen ob dort der Zeitpunkt für die "harten" Maßnahmen (=lockdown) verpasst wurde:
Allein über die letzten 3 Tage wurden 40.000 Test gemacht und jeder 4. Geteste ist positiv. Das spricht imo für eine wahnsinnig hohe Dunkelziffer. Insgesamt gibt es gut 2000 Tote; Todesfälle sind erst nach >1 Woche nach der Inkubation zu erwarten! Wo wird Italien in einer Wochen stehen? Bei einer mittleren 4-stelligen Zahl an Todesfällen. Aber ich denke auch, in einer Woche hat sich die Situation beruhigt (Neuinfektionen wurden mit den aktuellen Maßnahmen imo auf ein Bruchteil reduziert) und mehrere Millionen Leute sind immunisiert (Todesfälle multipliziert mit 200-400(?). Mortalität schätze ich insgesamt trotz der Zahlen unter <0.5% ein, s. Kreuzfahrtschiffe und der Verlauf in Deutschland).
Was bringen ein paar Millionen immunisierte Leute in einem Land mit ~60kk Einwohnern? Nicht viel (man bräuchte wohl ca 20-30% Immunisierte nach der ersten Welle?), aber beachtet z.b. für Deutschland das Folgende:
- Italien hat es komplett unvorbereitet getroffen. Mit "weichen" Maßnahmen s.d. beispielsweise ein Wert R_0=1,5 erreicht wird, findet tatsächlich ein "flatten the curve" über einen sehr langen Zeitraum statt, mit dem unser Gesundheitssystem umgehen kann.
- Wenn ältere Menschen sich während der zwei Peaks isolieren, ist die Zahl der Toten/die benötigten Atemmaschinen deutlich geringer als bei einem unkontrolliertem Ausbruch wie in Italien.
- Der Ausbruch in Italien konzentriert sich sehr stark in einem Gebiet und führt dort zwangsweise zu einer extremeren Überlastung. Man kann die harten Maßnahmen aber auch koordiniert, je nach Belastung in den unterschiedlichen Regionen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten beginnen lassen (nach den Modellierungen des Papers scheinbar ohnehin am effektivsten).
- Die unterschiedlichen Regionen könnten sich, jenachdem wo es gerade am heftigsten zugeht, gegenseitig unterstützen.
- Deutschland hat 3 mal so viele Intensivbetten pro Kopf.
Die gesamten Ausführungen stehen wie gesagt unter der Prämisse, dass man eine Durchseuchung anstrebt und nicht versucht das Virus 1,5 Jahre auszusitzen, bis es einen Impfstoff gibt. Möglicherweise führt diese Durchseuchung zu mehreren zehntausend Toten, aber bitte nicht vergessen, dass es auch ohne Epidemie eine Gesamtmortalität von rund 1% in der Bevölkerung aufs Jahr gesehen gibt. Wenn man diese "pragmatische" Sichtweise ablehnt, dann bleibt eben nur die Möglichkeit es auszusitzen oder versuchen das Virus auszurotten. Die Erfolgschanchen und die Kosten (nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale, psychische, Aspekte wie "Lebensqualität", steigende häusliche Gewalt, nicht zuletzt schlechtere Versorgung anderer Patientengruppe, etc, etc) seh ich aber kritisch. Meine Befürchtung: Wir verbringen 4 Wochen in Quarantäne für eigentlich nichts und die Durchseuchung findet trotzdem statt (T7: irgendwann im Spätjahr und nicht, wie es optimal wäre, im Hochsommer?); oder wir reduzieren die Infektionszahlen in den nächsten 4 Wochen über Ostern deutlich und legen uns dann 1,5 Jahre "weiche" Maßnahmen auf, damit das Virus sich nicht wieder ausbreitet (wie sehen "weiche Maßnahmen" aus, die R_0=1 schaffen? Mit Schnelltests, mehr Awareness in der Bevölkerung und gezielten Quarantänen bei Ausbrüchen vllt machbar?).
Imo kann Deutschland eine Durchseuchung händeln, ist aber natürlich nur meine Laienmeinung. Von Politikern würd ich mir erwarten, dass sie die Tage mal so etwas wie einen Plan vorstellen - das hat bis jetzt tatsächlich nur die UK getan (und die rudern gerade zurück...). 18 Monate lang versuchen solch ein Virus unter Kontrolle zu halten - puh! schwer vorzustellen! Aber für andere Länder: Ich glaub die USA mit ihrem Gesundheitssystem (und dem avg. BMI) stellt das vor ganz andere Probleme. Was in den Schwellenländer abgehen wird, das mag man sich gar nicht vorstellen - ich sehe nicht, wie Länder in Südamerika damit umgehen können und befürchte das wird dort in 2 Wochen richtig losgehen...

