Hab gerade die ganz aktuelle Diskussion hier nicht gelesen, daher zu dieser Diskussion nicht ganz passend aber trotzdem wie ich finde interessant folgender Artikel in der SZ über die "andere" Bewältigungsstrategie in den USA:
Spoiler
Versagen auf höchstem Niveau
Ärzte und Wissenschaftler stellen den USA ein verheerendes Zeugnis im Umgang mit der Pandemie aus und geben zudem eine Wahlempfehlung gegen Trump ab.
Von Werner Bartens
Die Rechnung kommt erst zum Schluss. Eine Zwischenbilanz ist allerdings auch vorher schon möglich. Und die fällt verheerend aus, wie Ärzte, Epidemiologen und andere Gesundheitsexperten nahezu einstimmig konstatieren. Könnten Wissenschaftler in ihren Fachartikeln laut werden, man müsste ihre aktuellen Beiträge wohl als Aufschrei und wütende Anklage bezeichnen. In den führenden medizinischen Fachzeitschriften der Welt beschreiben sie den desaströsen Umgang der USA mit der Corona-Pandemie und zerlegen die Gesundheitspolitik - oder das, was sich so nennt - der Regierung von US-Präsident Donald Trump.
Das renommierte Fachmagazin Jama zeigt in einer Reihe von Auswertungen, Analysen und Kommentaren, wie sehr die USA unter Covid-19 gelitten haben und wie das Elend durch fehlende, falsche oder zu spät ergriffene Maßnahmen weiter verschlimmert wurde. Der Begriff "Übersterblichkeit" klingt zwar nach Beipackzettelprosa, wird aber verwendet, um möglichst umfassend die Auswirkungen eines größeren Unglücks oder einer Pandemie zu bestimmen.
In einem der Beiträge zeigen Gesundheitsexperten um Steven Woolf, wie sehr die Übersterblichkeit in den USA während der Pandemie zugenommen hat. Sie lag in den fünf Monaten von März bis Juli demnach bei 225 000 Menschen. Das bedeutet für diesen Zeitraum eine Zunahme um 20 Prozent. Etwas mehr als zwei Drittel davon gehen direkt auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 zurück, doch auch die übrigen Todesfälle haben indirekt mit der Pandemie zu tun - wenn sich etwa ein Patient mit Schlaganfall nicht in die Notaufnahme traut und gar nicht oder zu spät behandelt wird oder wenn lebenswichtige Therapien verschoben werden, weil im Krankenhaus kein Platz ist und das Personal dort schon jenseits seiner Leistungsfähigkeit arbeitet.
Covid-19 zeigt die Schwächen des amerikanischen Gesundheitssystems in aller Deutlichkeit auf, an dem mehr als 30 Millionen Menschen gar nicht teilhaben und die anderen in einer fragwürdigen Hierarchie entsprechend ihres Einkommens und der Krankenversicherung, die sie sich leisten können, behandelt werden. Miserabel fällt die Bilanz für die USA im internationalen Vergleich aus. Zwar gab es auch andere Nationen wie Schweden, Belgien, Frankreich, Spanien oder Italien, in denen die Sterberate ähnlich hoch oder sogar noch höher lag als in den USA (dort wird sie mit 60 Todesfällen pro 100 000 Einwohnern angegeben).
Das US-Gesundheitssystem bezeichnen die Forscher als schwach
Doch die Gesundheitsforscher Alyssa Bilinski und Ezekiel Emanuel von den Universitäten Harvard und Pennsylvania zeigen, wie stark die Zahl der Todesfälle in anderen Ländern mit hoher Sterblichkeit ab Mai zurückging, während sie in den USA weiterhin auf dem hohen Niveau von 37 Todesfällen pro 100 000 Einwohnern blieb. Andere stark betroffene Länder hatten zwischen März und Mai 2020 drastische Einschränkungen bis hin zum Lockdown propagiert, in den USA wurden hingegen etliche Schutzmaßnahmen ignoriert oder politisch lächerlich gemacht. "Nach dem ersten Gipfel im Frühjahr blieben die Todesraten an Covid-19 in den USA auch später höher als in anderen Ländern mit deutlicher Mortalität", bemängeln die Autoren. "Das liegt auch an der schwachen Infrastruktur des amerikanischen Gesundheitswesens und der unstimmigen Reaktion der USA auf die Pandemie."
In seinem Kommentar "Der Preis von Covid-19" zeigt Harvey Fineberg, renommierter Gesundheitswissenschaftler und ehemaliger Dekan der Harvard University, wie Donald Trump die Sterbestatistik zurechtbiegt: Ende August hatte die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC mitgeteilt, dass auf 94 Prozent der Covid-19-Totenscheine zusätzlich auch andere Erkrankungen vermerkt waren. Trump machte daraus, dass die CDC im Stillen ihre Bewertung der Pandemie geändert hätte und demnach nur sechs Prozent der "Corona-Toten" tatsächlich auf Sars-CoV-2 zurückzuführen seien. Twitter entfernte die Lüge, andere Gesundheitsbehörden machten klar, dass in 92 Prozent aller Covid-19-Totenscheine auch Covid-19 als Haupttodesursache angeführt wurde, doch die Falschbehauptung war in der Welt.
Falschinformationen sind nicht neu in der Welt des US-Präsidenten. Neu ist hingegen, wie massiv Ärzte und Wissenschaftler dagegen aufbegehren. Die Herausgeber des New England Journal of Medicine, dem wohl berühmtesten medizinischen Fachblatt weltweit, wählen in ihrer neuesten Ausgabe drastische Worte und sprechen eine Wahlempfehlung gegen Trump aus: "Hier in den USA hat unsere politische Führung versagt", schreiben die Ärzte. "Sie hat aus einer Krise eine Tragödie gemacht."
Auf jeder Ebene habe die Regierung versagt - zu späte oder keine Abstandsregeln, fehlende Schutzausrüstung für Kliniken, Maskenignoranz und eine Testquote schlechter als Zimbabwe oder Kambodscha. Andere Länder seien um Größenordnungen besser mit der Pandemie umgegangen. Einst machtvolle Gesundheitsbehörden seien unterdrückt oder übergangen worden - "stattdessen wurde auf Scharlatane gehört, sodass Lügen Verbreitung fanden". Angesichts der größten Gesundheitsbedrohung unserer Zeit hätte die politische Führung ihre "gefährliche Inkompetenz" offenbart und dürfe nicht länger ihren Job behalten und damit Tausende weitere Tote verschulden.