Handreading ist das "Lesen" der gegnerischen Aktionen mit dem Ziel, seine Hand möglichst eng einzugrenzen. Gelingt das, können wir gegen seine Hand fast so spielen, als ob sie offen auf dem Tisch läge. Wir benötigen dazu also zwei Dinge: erst einmal das Verständnis, dass wir nicht gegen eine bestimmte Hand des Gegners spielen, sondern immer gegen eine Anzahl möglicher Hände. Das ist seine Range. Mit seinen Aktionen gibt uns der Gegner Informationen, mit denen wir die Zahl der möglichen Hände durch Elimination eingrenzen können.
Dazu müssen wir wissen, mit welcher Art von Händen der Gegner welche Linien spielt. Oder umgekehrt, was es für die Range des Gegners bedeutet, wenn er die von ihm gewählte Linie spielt.
Die erste wichtige Information erhalten wir vor dem Flop: der Gegner kann raisen oder callen (Folds interessieren uns nicht, damit scheidet er ja aus dem Spiel aus). So wie wir gemäss dem Starting Hands Chart nur bestimmte Hände raisen und andere nur callen, so machen es auch die Gegner. Hielten sie sich an unsere Charts, dann hätten wir es einfach: wir könnten einfach ablesen, was sie haben. Allerdings ist das oft nicht der Fall. Trotzdem sind unsere Charts bei einem Unbekannten Gegner zunächst einmal der beste Anhaltspunkt. Wissen wir nichts über einen Gegner, dann nehmen wir zunächst mal an, dass er nach dem Chart spielt, so lange wir nichts anderes über ihn wissen.
Verfügt man über einen Tracker mit HUD, kann man sich Statistiken über den anzeigen lassen. Die können eine wertvolle Hilfe sein. Wir kennen zwar immer noch nicht den Chart, nach dem der Gegner spielt, aber wir können einschätzen, ob er looser, tighter, passiver oder aggressiver spielt, als wir mit unseren Charts. Dazu müssen wir nur unsere Statistiken mit denen des Gegners vergleichen. Im Stats Mini FAQ findet ihr ein paar Standardwerte, die sich aus dem Spiel nach unseren Charts ergeben.
Die daraus gewonnene Prefloprange ist die Range, von der wir am Flop ausgehen. Die wird dann durch die weiteren Aktionen des Gegners eingegrenzt.
1) Nicht immer ist eine gute Kenntnis der preflop Range nötig. Manche Moves sprechen einfach für sich. Multiway Raises auf dem Turn sind typischerweise eine Hand, die stärker ist als ein top Paar. Ganz besonders, wenn auf den vorherigen Strassen die Action schon stark war. Es bietet sich an, die Linie des Gegners mit den Linien aus den Strategieartikeln zu vergleichen und daraus Rückschlüsse zu ziehen.
$0.05/$0.1 AKo bei K74 rainbow Board und viel Action
2) Hier hat Hero auf Flop und Turn die Nuts mit einem Flush, aber auf dem River paart sich das Board. Es besteht jetzt FH-Gefahr und die vorherige Action gibt uns Aufschluss, wie ernst sie zu nehmen ist.
$0.05/$0.1 KJs NutFlush am Flop mögl. FH am River
3) Gibt es keine Action, dann ist auch das eine Information. Starke Hände erzeugen Action, gibt es keine Action, dann ist die Hand des Gegners folglich...?
0.02/0.04 66
4) Der Gegner callt multiway auf dem Flop und raist auf dem Turn. Das ist eine typische slow Play Linie, der man Respekt entgegenbringen muss. Entweder hat er auf dem Turn ein Out getroffen, oder er hatte vorher schon eine starke bis sehr starke Hand.
[0.02/0.04] 95s - Flush
5) Multiway Raise auf dem Flop und multiway Raise auf dem Turn. Ganz sicher ist das keine schwache Hand.
[0.02/0.04] 75s
6) Zwei ähnliche Hände, die doch verschieden gespielt werden. Jeweils ein Overpair auf dem Flop gegen ein monsterverdächtiges Board. Das eine Mal hat man vielleicht Outs, das andere Mal nicht. Ausserdem macht die Zahl der Spieler auf dem Flop etwas aus. Je mehr Spieler dabei sind, desto wahrscheinlicher wird das Monster.
a) 0.05/0.10 KK im Flop folden?
b) $0.05/$0.1 JJ One Card StraightFlush Draw und Action
7) Monsteraction auf Monsterboard reduziert Outs. Es ist zu wahrscheinlich, dass schon ein Monster unterwegs ist und die Outs stark diskontiert werden müssen. Z. B. wenn Hero auf eine Straight zieht, die nicht die Nuts ist.
[0.02/0.04] JTs
8) Ihr kennt sicher die Linie call Flop, raise Turn zu zweit am Flop. Spielt sie der Gegner, dann wisst ihr hoffentlich, was das bedeutet. Der hat dann auch nichts anderes, als ihr an seiner Stelle hättet.
.5.10 AKo durchgebettet geg WiderstanD
9) Shorties. Deren Range ist meistens anders als die gewöhnlicher Spieler. Sie sind oft auf Tilt oder glauben, ihr Geld ist bis zum River so oder so weg, weil sie vorher nicht rauskommen. Typischerweise werden sie dann aggressiv, weil es ihnen nicht mehr drauf ankommt, wann das Geld reinwandert, wenn es doch so oder so reingeht.
.05.10 AKo Großen Pot gemachT
10) Versetzt euch mal in die Lage des Gegners. Was denkt der über euch, welche Schlussfolgerungen zieht er daraus und welche Schlussfolgerungen könnt ihr aus seinen Schlussfolgerungen ziehen?
.05.10 KJs zu lange durchgehalten?