Vegas 2017 - Day X
Ich werde wach und bin sofort kampfbereit. Spielen, spielen, spielen. Die Zeit rennt davon, aber ich bin noch lange nicht im Soll. Das muss sich ändern. Ich kann es doch! Mein Lagtard-Riecher funktioniert, ich habe den ganzen Trip über keine Nits ausbezahlt und so ganz schlecht getroffen habe ich mitunter auch nicht. Wo sind meine verdienten Kohlen? Die Antwort fällt mir beim Müsli-Schaufeln ein: im Aria. Die Games sind dort zwar zuletzt nicht das Gelbe vom Ei gewesen, aber ansonsten muss man den Laden einfach mögen. Also nichts wie hin.
"Also nichts wie weg", denke ich mir (mal wieder), nachdem ich meinen 2/5 Tisch inspiziere. Wirklich erstaunlich traurig, wie wenig Fleisch zur Mittagszeit in diesem Raum sitzt. Einmal mehr finde ich einen schnellen Ausweg in Richtung PLO, aber auch der 1/2 PLO-Tisch ist diesmal nur für eine Stunde und $310 Gewinn zu gebrauchen. Scheinbar sitzen alle Geldverteiler im Venetian und limp/callen sich zu ihrem $500 High Hand Jackpot. Dabei möchte ich sie natürlich nicht alleine lassen. Außerdem gewährt mir das Venetian bestimmt weiterhin einen $2.500 Daily Average (Samplesize ole). Zwei, drei Klicks auf meinem Smartphone und eine kurze Uber-Fahrt später betrete ich den wieder einmal satt gefüllten Pokerraum Venedigs. Zolle ich nun dem Raum Respekt für die gelungene Promo oder soll ich lieber trauern, dass alle Pokerspieler der Stadt geil auf Promos sind, die durch extra Rake finanziert sind und unterm Strich kaum jemanden voranbringen?
Ich entscheide mich auf Unentschieden und konzentriere mich lieber darauf, weiter gut zu treffen. Das gestaltet sich aber an diesem Tag deutlich schwieriger als an den ersten Venetian-Tagen. Mein Tisch ist zwar auf den ersten Blick ziemlich saftig, aber so richtig teilnehmen darf ich zunächst nicht. In die Hauptrolle rückt stattdessen eine Omi, die sich mit $500 an den Tisch setzt. Woher ich weiß, dass sie nitty ist? Hier eine Gedächtnisskizze:

Ihre Chips sind so eben aus dem Rack gekratzt, als sie ihr Rheumakissen neben mir zurecht rückt, ihre erste Hand begutachtet und ... selbstverständlich squeezt. Der Asia-"Reg", der sowieso viel zu loose unterwegs ist, lässt sich natürlich nicht lange bitten und schaufelt 500 Corega-Tabs in die Mitte. Die Omi neben mir fängt an zu erzählen. Es ist fast wie eine Erzählstunde im Schaukelstuhl: In aller Seelenruhe berichtet sie, dass es das schon sein könnte. Dann fragt sie sich, ob sie es wirklich möchte in der ersten Hand direkt. Mal ist sie sich sicher, dann wieder kurz vorm Fold. Alle am Tisch hören aufmerksam zu, schließlich wollen sie ja später auch noch Taschengeld von Omi bekommen. Meine Geduld hält sich aber langsam in Grenzen: In 29 Stunden geht mein Flieger, liebe Omi - bitte entscheide dich JETZT. Das macht sie dann auch und verdoppelt schön mit ihren Königen gegen AQo. Ihre Reaktion:

So, nun können wir auch mal! Keine drei Hände später finde ich AJ oder sowas schönes, openraise standardmäßig und... und... fange mir eine 3-Bet von der Omi. Wow, zweimal KK in vier Händen. Glückwunsch und Fold! Nächste Hand: Irgendwer openraist und... und... die Omi 3-bettet wieder???!?!? Und so ging das Spiel erstaunlich oft weiter: Bestimmt 10% 3-Bet preflop, postflop auch alles dabei: Checkraise Flop, tripplebarrel als PFA, sogar eine Overbet steht auf meinem Notizzettel. Bei allem, was sie da aus ihrem zugegebenermaßen sehr reichhaltigen Erfahrungsschatz abspult, ist mir eines klar: Da war noch kein Bluff bei. Und da wird auch kein Bluff folgen. Wer gefühlte 3 Minuten mit KK für 100BB tankt und mit Doyle Brunson 1920 zum Prom gegangen ist, der blufft nicht. Niemals.
Denkste! Irgendwann nach einer guten Stunden reckless aggro Omi reloaded deckt irgendjemand das Geheimnis auf. Vielleicht war es Ayman Abdallah in Galileo Mystery undercover, vielleicht aber auch einfach ein sehr sehr misstrauischer Mensch. Wie dem auch so, am River auf 24J 7 7 callt er die $175 in $300 Bet der Omi und sie zeigt tatwahrhaftig A3o. Mind = blown! Die Omi kann echt klauen!

Jetzt fragt ihr euch sicher, weshalb ich euch die ganze Zeit von einer random Omi erzähle. Bestimmt erwartet ihr jetzt den Mega-Bluffcatcher gone wrong oder so, aber ich muss euch enttäuschen. Ich berichte von der Omi, weil es von mir nichts zu berichten gibt. Die Session läuft unter dem Motto "Kartentod". Bei mir passiert einfach mal gar nichts, tröpfchenweise gebe ich Chips ab und Pötte auf. Zu allem Überfluss spaziert auch noch pünktlich zu Omis Busto-Hand der Skandinavier aus der KQ-Hand herein und bringt einen jungen Reg mit an den Tisch, den ich aus dem Vorjahr erkenne. "Zeit für einen Tischwechsel", denke ich mir und bin schon kurz darauf einen Tisch weiter gelandet.
Gute Karten gibt es hier auch nicht, aber immerhin laufe ich hier nicht so schnell Gefahr, 200 BB mit einem Paar zu investieren. Leider ist die Tischbesetzung nicht viel besser als nebenan. Etwas besser vielleicht, aber nicht viel. Das denkt sich auch der gute Reg vom Isildur-Kollegen und wechselt nach 10 Minuten rüber zu uns. Ich werde innerlich schon wieder multimad, da ich hier nun mit 4-5 Regs an einem lächerlichen 2/5 Tisch sitzen muss und dabei nicht einmal stattfinde. Keine Hand, keine Action, der Brand wird größer. Aber dann. Dann sehe ich Q♣: T♥: im Big Blind und calle das $20 Openraise vom CO, einem der wenigen Nicht-Regs.
Flop ($40): 8♥: 9♣: J♠:
Na endlich! Check, er $25, ich $80, call. Payback!
Turn ($200): 8♠:
Hm, gibt schöneres, aber trotzdem hole ich mir hier noch zwei Streets ab: Bet $80. Und er so? Shove all-in $900. OOOOOOKAY!
Jetzt könnte man wieder berechnen: 280 / 280+900 = 23% meiner Range sollte ich bezahlen und da sollte QT auch noch so in etwa inbegriffen sein. Aber das ist ein komplett anderer Spot: Villain ist eher Typ Freizeitspieler, meine Entscheidungen sollten also gegen ihn eher in Richtung maximum exploit gehen als in Richtung spiel-theoretisch optimal. Und daher steht bei mir nach 5 Sekunden der Entschluss, dass ich ihm hier gewiss nicht 200 BB schenke, nur weil meine Hand in etwa Top meiner Range ist. Interessanter wäre hier schon die Frage, was ich mit 89 mache. Vermutlich auch folden?!
Naja, ich folde also und bin fortan wieder im Zuschauerlager angekommen. Immerhin ist der Tisch gesellig und mithilfe des guten Isildur-Freundes schaffe ich es, eines meiner Lieblings-Sidegames zu aktivieren: Nach jeder Hand muss der Gewinner der Hand eine Karte preisgeben. Der Sitznachbar darf immer eine Karte aufdecken. Das Ganze kann, wenn es schnell gespielt wird und die Leute am Tisch entsprechend Aufmerksamkeit zeigen, eine echt witzige Dynamik reinbringen und das Game ganz gut ankurbeln. So habe ich trotz $1.300 Minus zu dem Zeitpunkt langsam wenigstens wieder Spaß. Weil "lol Spaß" limp/raise ich UTG A♣: 2♣: und freue mich wie ein Schneekönig als nach drei Folds mein linker Nachbar die 2♣: aufdeckt. In einer anderen Hand gewinne ich am Flop, als mein 8x-Treffer reicht, um alle zum Fold zu bewegen. Mein Nachbar dreht die 8♣: um und ich sage "I hit". Ein amerikanischer Opi auf der anderen Seite des Tisches antwortet mit: "Heil Hitler".

Das kam unerwartet. Trotz Spaß und dies und das ist der Tisch aber auch nach über eine Stunde mit diesem lustigen Spielchen nicht viel besser geworden. Ich entscheide mich daher für den zweiten Tischwechsel und finde für die letzten drei der 13 Stunden an diesem Tag noch einmal einen gut spielbaren Tisch. Leider finden die Karten mich im Gegenzug immer noch nicht und ich schaffe es nur, in kleinen Etappen hier und da etwas gut zu machen. Nach 13 Stunden am Filz beende ich meinen letzten kompletten Spieltag mit $846 im Minus.
Schlafen, auschecken, Koffer zum Bellagio, letzter Grind, letzte Chance. Hoffentlich reißt die letzte Session diesen Sommer noch einmal etwas raus!